Stellungnahme zum Naziouting in Liblar

Hohe Wellen schlägt derzeit eine Outingaktion gegen den Nationalsozialisten Sebastian Ziesemann aus Erftstadt-Liblar. Dieser war, laut Indymedia, in der Nacht zum 5. Januar mittels Flugblätter in Briefkästen und an Straßenlaternen bildlich illustriert als Nazi seiner Nachbarschaft vorgestellt worden. Im Internet bekennen sich „AntifaschistInnen aus Köln“ hierzu und verweisen auf eine ähnliche Aktion, bei welcher kürzlich der „Freie Kräfte Köln“-Funktionär René Emmerich seiner Nachbarschaft unfreiwillig vorstellig wurde.
Von verschiedensten Seiten zeigten sich bereits Reaktionen. Uns liegen aufschlussreiche Statements von Bürgern und Nazis vor. Uns halbwegs positiv gesonnene Bürger_innen hoffen wenigstens, dass nicht wir hinter dieser „extremistischen“ Aktion stecken. Manch andere_r Bürger_in offenbart dabei nur allzudeutlich, dass nicht die Nazis, sondern Linke- also „die Antifa“ das eigentliche Problem sind. Einig sind sie sich jedoch darin, dass die Aktion als solche abzulehnen sei.

not us!
Mit unserem offenen Brief an den Stadtrat haben wir uns dafür entschieden bürgerliches Engagement gegen Nazis in Erftstadt zu fossieren und zu unterstützen. Eine Aktion wie diese läuft diesem Anliegen zu wider. Sie verschreckt die Bürgerschaft und wer dahinter vermutet wird ist auch klar: die „Antifa Erftstadt“. Das würde nur negative Konsequenzen für uns nach sich ziehen – wieso also sollten wir soetwas tun?

different problematic!
Trotzdem verurteilen wir die Outingaktion nicht. Vielmehr weißt die unreflektierte Verurteilung seitens der Bürger_innen auf eine viel grundsätzlichere Problematik hin. Wenn die regionalen Nazis auf ihrer Internetseite davon schwadronieren, dass ihr „Kamerad“ in „seiner Nachbarschaft weithin als ‚Nazi‘ bekannt und keinesfalls unbeliebt“ sei, ist es unzulänglich antifaschistische Kritik auf Nazis zu beschränken. Es gilt vielmehr die deutsche Volksgemeinschaft einer radikalen Kritik zu unterziehen, die sich so bereitwillig an Seite benachbarter Nazis positioniert.

So ist zu beobachten, dass Teile der Nachbarschaft sich nicht etwa entsetzt darüber zeigen, einen Neonazi zum Nachbarn zu haben. Viel mehr ist eine Solidarisierung mit Sebastian Ziesemann zu erkennen. Statt, dass den Nachbar_innen daran gelegen wäre, dem bekennenden Nationalsozialisten das Leben so schwer wie möglich zu machen, wird Ziesemann zum Opfer stilisiert. Zum Opfer der „feigen“ und „gewalttätigen“ Antifa, die dem „armen“ Neonazi aus der Anonymität verholfen und damit den Frieden im Dorf erschüttert hat.
Für die meisten Deutschen sind gewaltätige Neonazis durchaus ein Problem; diese werfen kein gutes Licht auf das Ansehen des „geläuterten“ Deutschlands. Obwohl Ziesemann, mit Blick auf seine Biografie, ganz offensichtlich als Nazi zu bezeichnen ist, hat er sich in der Nachbarschaft hingegen noch nichts zu schulden kommen lassen. Nachbar Sebastian bleibt für die Mehrheit der dörflich („jeder kennt jeden“) geprägten Nachbarschaft der „Nachbarsjunge von nebenan“ und wird nicht als die menschenfeindliche Person angesehen, die er (inzwischen) ist. Somit stößt das Outing nicht auf großes Verständis.

Engagierten Antifaschist_innen hingegen, die sich nicht damit abfinden wollen, dass sich „Ziese“ in Erftstadt wohl und geborgen fühlt, werden umso ambitionierter beschuldigt. Hier wird also nicht nur der Täter zum Opfer, sondern auch die Aufklärer_innen zu Täter_innen verklärt.

not what you call „being against nazis“?
Bürgerliche Anti-Nazi-Strateg_innen bleiben jeodch grundsätzlich bei einer oberflächlichen Kritik von Neonazis. Anstatt kritisch über die Äußerungen der Nachbar_innen nachzudenken, soll Gerüchten zu Folge auch in Erftstadt die Meinung bei engagierten Personen vorherrschen, dass diese Aktionsform nicht zu befürworten sei.

Jedem Menschen wohnt die Möglichkeit Inne sich zu ändern. Auch Sebastian Ziesemann. Würde ihm nun Ablehnung entgegen stoßen, könnte ihn das durchaus zum Umdenken und damit zum Ausstieg bewegen. Ein Outing ist immer auch die Chance konkret ungefestigten Nazis das Abrutschen in die Naziszene auszutreiben. Dies lässt sich nicht durch „Runde Tische gegen Rechtsextrismus“* erreichen, sondern durch den Druck von Gesellschaft, Nachbarschaft und dem_der Arbeitgeber_in, also durch das konsequente Outen der Nazis in dessen_deren sozialen Umfeldern. Es gilt klar zu zeigen, dass in unseren Vorstellungen einer Gesellschaft kein Platz für Rassist_innen, Antisemitit_innen und Gewalt ist.

shut up nazi!
Einem Nazibericht zu Folge sei Ziesemann ein „bekannter“ Nazi. Warum der Genannte bis dato nirgends namentlich auftauchte, das bleibt der Bericht dem_der interessierten Leser_in schuldig. Ebenso, warum Ziesemann mit schwarzer Sonnenbrille, schwarzem Halstuch, schwarzem Kapu, schwarzer Hose und schwarzen Handschuhen zu demonstrieren pflegt. Da möchte doch wohl allem Anschein nach jemand im Gemenge unsichtbar bleiben!

Strategen wie Axel Reitz aber wissen, wie auch die beschissenste Situation propagistisch wertvoll gewandelt und ausgeschlachtet werden kann: Sebastian Ziesemann wird zu einem „offen mit Gesicht und Namen für seine Überzeugung einstehenden Kameraden“ umgelogen, um sich über die „armselig und erbarmenswert[e]“ Antifa-Aktion echauffieren zu können.

Die Nachbarschaft jedenfalls wird sich freuen, knüpft dieses Urteil doch genau dort an, wo diese selbst steht.

Dank und Solidarität nach Köln!
Kein Bock auf Volk und Nation!

* „Runde Tische“ bieten natürlich andere Chancen – hierauf werden wir bei konkretem Anlass noch eingehen.

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6 Antworten auf “Stellungnahme zum Naziouting in Liblar”


  1. 1 stephan 05. März 2011 um 13:08 Uhr

    naja die outing aktion hat ja viel gebracht

  2. 2 stephan 07. März 2011 um 11:20 Uhr

    gibs echt nicht der is gestern gaaanz offen in der aula in liblar am feiern gewesen nachher sogar mit handschuhen und hat stress gesucht und die security schaut nur dumm zu

  3. 3 stephan 20. März 2011 um 15:29 Uhr
  4. 4 indymedia link 20. Juli 2011 um 19:41 Uhr
  1. 1 Liblarer Neonazi an Ausschreitung in Dresden beteiligt « Antifa Erftstadt – Keine Homezone für Nazis! Pingback am 17. Februar 2010 um 23:03 Uhr
  2. 2 Liblarer Neonazi beteiligt an gewalttätigem Überfall auf linkes Wohnprojekt « Antifa Erftstadt – Theorie. Recherche. Aktion. Alternativkultur. Pingback am 20. Februar 2011 um 12:40 Uhr
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