Aufsatz: islamischer Antisemitismus

„Ich erkläre einen heiligen Krieg, meine Brüder im Islam! Tötet die Juden! Tötet sie alle!“
(Mohammed Amin al-Husseini)

Wird nach Ursachen für den Nahostkonflikt gefragt, sind diese scheinbar schnell gefunden. Die jüdischen Siedler hätten den Palästinenser_innen das Land weggenommen, sie vertrieben und Israel weigere sich einen palästinensischen Staat zu akzeptieren. Schnell sind so Rechtfertigungen oder mindestens Erklärungen für die Selbstmordattentate und die Raketenangriffe auf Israel gefunden. Der mörderische Terror sei ein von „verzweifelten und chancenlosen“ Palästinenser_innen begangener Akt, der enden würde sobald Israel endlich einen palästinensischen Staat akzeptieren und dessen Einwohner_innen „menschlich“ behandeln würde.

Ungeachtet historischer Verzerrung von Tatsachen wird außer Acht gelassen, wie sich der Antisemitismus auch in der muslimischen Welt ab den 1920′er Jahren zusehends entwickelte und radikalisierte – auch unter dem Einfluss von Nazideutschland.
Dies war nicht immer so. Historisch gesehen waren Juden unter muslimischer Herrschaft durchweg besser gestellt als Juden in westlichen Staaten. Als „Volk des Buches“ genossen sie als „Dhimmis“ (Schutzbefohlene) relative Freiheiten, die sie theoretisch vor Verfolgung und allzugroßer Diskriminierung schützte, wobei die Praxis hier stark von den jeweiligen muslimischen Machthabern abhing. Primäres Anliegen dieses Textes ist es, die Entwicklung des islamischen Antisemitismus und dessen gesamtgesellschaftliche Auswirkungen im 20. Jahrhundert zu skizzieren. Selbstverständlich ist nicht jeder Muslim oder jede Muslima Antisemit_in. Hier müsste sehr viel ausdifferenziert werden, was an dieser Stelle aber weder möglich noch Anspruch des Aufsatzes ist.

Die Muslimbruderschaft…
Eine Schlüsselstellung für die Entwicklung moderner antijüdischer Ressentiments in der muslimischen Welt nehmen Hassan al-Banna und seine 1928 gegründete Muslimbruderschaft ein. Schlüsselstellung deshalb, weil aus ihr später nicht nur die Hamas und die al Quaida hervorgehen sollten, sondern auch, weil sie bis heute eine der einflussreichsten islamisch-fundamentalistischen Gruppen ist und es bereits früh verstand, den latent vorhandenen altislamischen Antisemitismus zu katalisieren. War sie Ende der 1930′er Jahre noch eine Gruppe von mehreren Hundert Mitgliedern, waren es 1941 schon ungefähr 60.000, 1948 ungefähr 500.000 Mitglieder, sowie Hunderttausende Sympathisanten. Zeitweise vermochte sie eine Million Menschen für Proteste zu mobilisieren. Zur Massnbewegung werden konnte sie erst durch ihre zunehmende antijüdische Agitation.
1936 kommt es in Ägypten, wo die Bruderschaft beheimatet ist, zu von ihnen organisierten gewalttätigen Protesten unter den Parolen „Nieder mit den Juden“ und „Juden raus aus Ägypten“. 1939 erhält sie mehr Geld von den Nationalsozialisten als jede andere ägyptische Gruppierung.

1950 veröffentlichte der Muslimbruder Sayyid Qutb seinen Aufsatz „Unser Kampf mit den Juden“, der bis heute großen Einfluss auf die Entwicklung des Antisemitismus unter Islamisten hat. 14 Jahre später publiziert er die Schrift „Meilensteine“, in der er antisemitische Vorstellungen und Ressentiments aus Europa übernimmt und sie islamisch zu begründen sucht. Der Islamwissenschaftler Bassam Tibi geht davon aus, dass die Verbreitung und der Einfluss von Qutbs Schriften innerhalb islamisch-fundamentalistischen Zirkeln mit der Verbreitung und dem Einfluss des Kommunistischen Manifests in der frühen Arbeiterbewegung in Europa gleichgesetzt werden könne.

…und ihr Einfluss auf Ägypten
Nach dem Zweiten Weltkrieg konnten geschätzt mehrere Tausend Nazikriegsverbrecher nach Ägypten immigrieren, was der dort vorhandenen Sympathie mit Deutschland geschuldet war. Als die Wehrmacht unter dem Kommando von Erwin Rommel in Ägypten einmarschierte, boten ihr zahlreiche ägyptische Offiziere die Unterstützung an, so z.B. die beiden späteren ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser und Anwar as-Sadat.
Möglich wurde dies nur dadurch, dass in dem Jahrzehnt zuvor die gesellschaftliche Akzeptanz von Antisemiten in der ägyptischen Bevölkerung erheblich zunahm – nicht zuletzt auf Grund der Bruderschaft. Schlimmer noch: die aus Europa geflohenen Nazis konnten in Ägypten ihren Tätigkeiten teilweise nachgehen und Karriere machen. Johannes von Leers, Hauptschriftleiter der Nazizeitung „Wille und Weg“ wurde unter dem Decknamen Omar Amin politischer Berater des Informationsbüros der ägyptischen Regierung.

Früher europäischer Einfluss auf den palästinensischen Antisemitismus
Schon 1920 wurde erstmals eine arabische Übersetzung des antisemitischen Pamphlets „Die Protokolle der Weisen von Zion“ veröffentlicht. Ein Jahr später bekommt der damalige britische Kolonialminister Winston Churchill ein „Memorandum der Palästinenser“. Obwohl weitgehend unbekannt, ist dieses Memorandum von größter Relevanz, handelt es sich doch um eine frühe Stellungnahme des Palestinian Arab Congress. In diesem heißt es u.a.: „Juden haben zu den aktivsten Befürwortern der Zerstörung in vielen Ländern gehört, und zwar besonders dort, wo sie durch ihre einflussreichen Positionen in der Lage waren, Schaden anzurichten. (…)
Der Jude ist ein Jude überall in der Welt. Er häuft den Reichtum eines Landes in seinen Händen an. (…) Er unterstützt Kriege, wann immer das Eigeninteresse es nahe legt und benutzt so die Armeen der Nationen, die tun sollen, was ihm beliebt.“
Entscheidend ist, dass es hier nicht um konkrete Beschwerden über die zionistischen Siedler geht, sondern dass es sich um einen antisemitischen Vortrag par excellence handelt.

Antisemitische Pogrome in den 1920′er Jahren
Schon vor der Gründung Israels kommt es zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen Arabern und Juden. Im April 1920 kommt es unter Führung von Mohammed Amin al-Husseini, dem späterem Mufti von Jerusalem, zum Angriff auf das jüdische Viertel von Jerusalem, bei dem fünf Juden, die mit dem Zionismus nichts zu tun haben, getötet und 230 Menschen zum Teil schwer verletzt werden. Sechs Wochen nach der Übergabe des Memorandums – im Mai 1921 – wird das jüdische Viertel von Jaffa demoliert, wobei 43 Juden sterben und 134 verletzt werden.
Im August 1929 provoziert Mohammed Amin al-Husseini, inzwischen Mufti von Jerusalem, antijüdische Ausschreitungen, die sich explizit gegen Juden – und nicht gegen die zionistische Bewegung richten. 133 Jüdinnen und Juden fielen den Pogromen, die in Safed und Hebron begannen, schnell aber auf ganz Palästina übergriffen, zum Opfer. Gestoppt werden können sie erst nach sechs Tagen durch ein gemeinsames Vorgehen von britischen und zionistischen Truppen. In einem zu dieser Zeit verteiltem Flugblatt heißt es: „O Araber! Vergeßt nicht, dass der Jude euer schlimmster Feind ist und von jeher der Feind euer Vorfahren war.“

Koalition: Palästina-Nazideutschland
1933 offenbarte al-Husseini dem deutschen Gesandten in Palästina seine Sympathie für den Nationalsozialismus und bot seine Dienste an. Zwei Jahre später beglückwünschte er Hitler zur Verkündung der Rassegesetze – etwas, das im Übrigen die gesamte arabische Welt tat.
Auch die Nazis waren ab 1938 an einer Zusammenarbeit interessiert, betrachteten sie Palästina doch als „einen nützlichen Abladeplatz für ihre unerwünschten Juden“, die dort – soweit das nationasozialistische Kalkül – von den Arabern „liqudiert“ werden würden. Ein Gedanke, der sich später durchaus bewahrheiten sollte.
1943 verhinderte al-Husseini durch persönliche Intervention bei Himmler die Freilassung von 5.000 jüdischen Kindern, die auf Initiative des Roten Kreuzes gegen 20.000 gefangene Deutsche ausgetauscht werden sollten. Die Wichtigkeit der „Lösung des Weltjudenproblems“ beschwörend wurden die Kinder in die Vernichtungslager deportiert.

Ausdruck der ideologischen Überschneidungen zwischen Nationalsozialismus und Islamismus, die al-Husseini stets betonte, war auch die Schaffung einer muslimischen SS-Division in Bosnien-Herzegowina, genannt „Handschar“. Der Mufti ist hier vor allem für das Anwerben und Ausbilden von muslimischen Freiwilligen, den „Muselgermanen“, verantwortlich.
Als er Hitler im Novermber 1941 traf, nannte er ihn einen „von der gesamten arabischen Welt bewunderten Führer“ und hoffte, dass die Deutschen Luftangriffe auf Tel Aviv fliegen würden.

Nazi-Deutschland richtete ihm später ein Büro in Berlin ein, dem großzügige Geldmittel, ebenso wie ein umfangreicher Mitarbeiterstab, zur Verfügung standen. Von hier organisierte er Radiopropaganda, die sich an die Menschen in den islamischen Regionen Europas und des Nahen Ostens richtete.

Palästinensischer Nationalismus
Schon ein Blick in die Charta der Hamas offenbart, dass es sich hier um eine explizit antisemitisch und nicht um eine antikoloniale Gruppierung handelt. Der Hass auf Israel wird durch antisemitische Ressentiments und Schriften wie bspw. die „Protokolle der Weisen von Zion“ begründet, die älter als Israel sind.
Bereits im ersten Quartal des 20. Jahrhunderts richtet sich ein Großteil der palästinensischen Aufstände gegen die Juden und nicht gegen die herrschenden britischen Kolonialherren. Bei der Herausbildung des palästinensischen Nationalismus wird ein ein Aspekt besonders deutlich: die für eine Nation notwendige und sinnstiftende Abgrenzung vollzieht sich besonders gegenüber Juden.

Fazit
Niemand hat die Frühgeschichte des Nahostkonflikts mehr geprägt als der Mufti von Jerusalem, die Zentralfigur des palästinensischen Nationalismus. Auch auf neuere Entwicklungen hat der politische Mentor der von Jassir Arafat befehligten palästinensischen Organisationen erheblichen Einfluss ausgeübt. Dass die palästinensische Gesellschaft im speziellen und die Mehrheit der muslimischen Gesellschaft im Allgemeinem bis heute nicht mit dem Nationalsozialismus und dessen Idealen gebrochen hat, zeigt z.B., dass Hitlers „Mein Kampf“ immernoch ein Bestseller in der arabischen Welt ist.
Nicht nur al-Husseini, sondern auch andere Islamisten, maßgeblich die Muslimbruderschaft, haben bereits lange vor der Gründung Israels mittels theokratischer und ideologischer Überlegungen Antisemitismus in den muslimischen Gesellschaften katalysiert. So wurde schon früh von arabischer Seite, speziell von der Muslimbruderschaft aus, die Chance auf eine friedliche Koexistenz von Juden und Muslimen verhindert.

...weitersagen!
  • Facebook
  • Twitter
  • MySpace
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • Identi.ca
  • Google Bookmarks
  • RSS
  • del.icio.us
  • email